Eine Begegnung auf Augenhöhe

Eine literarische Geschichte von Thomas Tikko · ca. 25 Minuten Lesezeit

Tom schreckte aus dem Schlaf. Er wollte sich, wie er es seit seinen Krebstherapien gewohnt war, panisch umschauen, um sicherzustellen, dass er nicht wieder in Lebensgefahr war. Doch er hielt erschrocken inne. Drei mit FFP2-Masken bedeckte Gesichter schwebten über ihm. Eines der Gesichter redete auf ihn ein:

„Da ist er ja. Sie können gleich auf Station, Herr Specht. Ihr Bett müsste jeden Moment fertig sein.“

„Ähm, okay, aber welche Station? Die normale Station, oder?“, stammelte Tom, während ihm dämmerte, dass er sich in einem Zimmer der Notaufnahme befand.

Einer der anderen übernahm:

„Nein, nein, nein, Sie kommen auf die Onkologie. Wir müssen dringend ein Rezidiv ausschließen. Aber das kennen Sie ja schon alles mit der Knochenmarkpunktion und dem PET-CT. Das ist doch alles nichts Neues für Sie.“

Toms Körper verkrampfte sich und er begann zu schwitzen. Erst jetzt merkte er, dass er kaum atmen konnte.

„Aber ich habe doch nur Corona. Der Test war ja positiv. Das erklärt doch mein Fieber“, sagte er und versuchte dabei, so normal wie möglich zu klingen.

Diesmal meldete sich der dritte Arzt zu Wort. Tom erkannte gleich, dass es sich um den Chefarzt vom Abend zuvor handelte.

„Ja, nicht nur das. Sie haben auch eine schwere, beidseitige Lungenentzündung. Außerdem befinden Sie sich in Aplasie. Ihr Blut macht leider nicht das, was es sollte“, sagte er bestimmt.

Tom erschauderte. Er nickte nur und sagte nichts mehr. Daraufhin verließen die Männer den Raum und er lag allein in dem fensterlosen Zimmer. Nur der gelbliche Lichtkegel seiner Bettlampe schien an die Wand. Er sortierte seine Gedanken und horchte in sich hinein. Er fand keine Anzeichen dafür, dass der Krebs zurück war. Dennoch war die Angst präsenter als sonst. Nachdem er den ersten Schreck verdaut hatte, breitete sich sogar eine Art Erleichterung in ihm aus. Wie knapp er dennoch erneut dem Tod von der Schippe gesprungen war, realisierte er erst Monate später.

Er setzte sich auf, zog seine Hose an und schlüpfte in seine Schuhe, ohne die Senkel zu binden. Schon das Sitzen raubte ihm sämtlichen Sauerstoff. Er setzte seine Maske auf und ging zur Tür. Er hatte sie noch nicht ganz erreicht, da riss er sich die Maske vom Gesicht und drehte wieder um.

Es ging nicht.

Er bekam keine Luft.

Er verschnaufte einige Minuten im Bett, dann raffte er sich wieder auf. Unter Aufbietung seiner letzten Kraftreserven schaffte er es in das etwa fünf Meter entfernte Bad. Dort riss er sich die Maske vom Gesicht und setzte sich auf die Toilette. Es war so anstrengend, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Es fühlte sich an, als hätte er beim Sprinten die Luft angehalten.

Im Angesicht dieser körperlichen Machtlosigkeit breitete sich allmählich wieder Panik in ihm aus. Er schaffte es gerade eben zurück ins Bett, ohne zusammenzubrechen. Dann schlief er erschöpft ein.

Einige Stunden später wurde er abgeholt. Selbst das Sitzen im Rollstuhl war zu viel. Je näher sie der Onkologie kamen, desto nervöser wurde er.

Dort angekommen, öffnete der junge Mann vom Patiententransport die Zimmertür und schob Tom hinein. Auf dem Bett am Fenster saß ein Mann mit dem Rücken zu ihnen. Toms Zimmergenosse reagierte nicht auf sie. Die Sonne blendete Tom. Erst als sie näher kamen, erkannte er, dass der Mann nicht nur eine Glatze hatte, sondern auch etliche kleine Beulen am Kopf.

Tom rutschte sofort das Herz in die Hose. Ihm war klar, dass der Mann anscheinend ebenfalls mit Lymphomen zu kämpfen hatte.

Eine Schwester kam herbeigeeilt, half Tom in sein Bett und verstaute seine Sachen im Schrank. An Einschlafen war diesmal nicht zu denken, dafür war er viel zu aufgewühlt. Er starrte an die Decke und rang nach Luft. Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte sich der Mann schließlich um und legte sich seinerseits ins Bett. Ihre Blicke trafen sich. Sie nickten einander kurz zu und Tom bemerkte weitere Beulen an Hals, Kopf und Gesicht des Mannes.

Nach dem Mittagessen kamen neue Ärzte in das Zimmer. Sie wandten sich zunächst an Tom und wiederholten, was bereits bekannt war und welche Untersuchungen nun anstünden. Toms Ausführung, dass die ungewöhnliche Reaktion seines Immunsystems auf die ein Jahr zurückliegende CAR-T-Zell-Therapie zurückzuführen sei, wurde mit den Worten vom Morgen im Keim erstickt:

„Ja, Herr Specht, das wollen wir nicht ausschließen. Dennoch macht Ihr Körper Dinge, die er nicht tun sollte, und das können wir uns nicht erklären.“

Tom sagte:

„Wenn ich wieder Krebs hätte, wüsste ich das mittlerweile. Außerdem sind bei mir immer noch null Prozent CD19-positive B-Zellen vorhanden. Sollte ich nicht lieber einfach menschliche Antikörper bekommen? Ich stelle doch selbst kaum welche her.“

Bei diesen Worten lächelte der Assistenzarzt, als wäre Tom ein Kleinkind, das zum ersten Mal fehlerfrei das Alphabet aufgesagt hatte.

„Oh, ein sehr informierter Patient. Vorbildlich“, sagte der Arzt, an seine Kollegin gewandt. „Es gibt aber mehr Faktoren, die Sie vielleicht nicht so gut kennen, wie wir das tun“, fügte Dr. Mailand noch hinzu und zwinkerte dem entgeistert wirkenden Tom zu.

Dann wandte er sich an den Mann am Fenster. Er lag reglos auf dem Rücken und starrte an die Decke.

„Herr Meier, wir sind gerade in Gesprächen mit der Chirurgie. Es kann sein, dass heute noch einmal jemand zu Ihnen kommt und Ihnen Fragen stellt.“

„Hmmm“, brummte Herr Meier zur Bestätigung.

„Wird Ihre Frau morgen wieder bei der Visite anwesend sein?“

„Hmmm“, brummte er. „Wie immer“, fügte er mit tiefer, belegter Stimme hinzu.

„Sehr gut, bis dahin sollten wir Klarheit haben“, fügte der Arzt hinzu, wobei Tom das Augenrollen seiner Kollegin nicht entging.

Als die Ärzte weg waren, entschied Tom, sich vorzustellen. Herr Meier kam ihm zuvor:

„Na, wenigstens bin ich nicht der Einzige, der hier nicht ernst genommen wird“, brummte er.

„Ja, es geht doch nichts über das Gefühl, ernst genommen zu werden, wenn man Todesangst hat. Ich bin übrigens Tom. Ich hatte vor einem Jahr meine letzte Therapie. Lymphom in der Wirbelsäule. Ich habe diese ultramoderne CAR-T-Zell-Therapie bekommen.“

„Gerd. Freut mich. CAR-T ist mir ein Begriff. Dein Vorgänger hat neben mir auch so eine bekommen. Haben die wieder was bei dir gefunden? Der Mailand scheint sich ja sicher zu sein.“

„Nee, nee, nee“, stritt Tom so vehement ab, wie sein Atem es ihm erlaubte. „Die meinen, mich wieder volles Programm untersuchen zu müssen. Ich bin mir aber sicher, dass das nur eine Nachwirkung der CAR-T-Zell-Therapie ist, gepaart mit meinen Infektionen.“

Tom lief es siedend heiß den Rücken herunter.

„Oh Shit, ich würde ja eine Maske tragen, aber damit kann ich nicht atmen. Ich sollte eigentlich nicht mit dir im Zimmer sein.“

Doch Gerd hob beschwichtigend die Hand und lächelte leicht.

„Nein, ist egal. Glaub mir, wirklich. Ich wurde heute Morgen vor dir gewarnt.“

„Oh, krass. Okay, danke. Hast du auch Corona?“, fragte Tom, wieder etwas erleichtert.

„Nein, was so was angeht, bin ich gesund. Ganz toll, was?“ Dann fügte er hinzu: „Du, ich bin ziemlich müde. Ich drehe mich mal um.“

„Alles klar. Ich sag denen, die sollen dich nicht wecken, wenn ich gestanzt werde.“

Gerd antwortete nicht.

„Du bist bestimmt fertig von den Therapien. Das kenne ich nur zu gut“, sagte Tom noch, aber Gerd antwortete nicht mehr.

Tom betrachtete die Beulen an seinem Hinterkopf.

„Heilige Scheiße“, dachte er sich, konzentrierte sich aber auf die anstehende Stanzung seiner Hüfte, die jeden Moment erfolgen konnte.

Tom hatte zwar versprochen, dabei leise zu sein, doch unterhielt er sich vor Aufregung die ganze Zeit mit den Ärzten und schilderte seine Geschichte. Als die Knochenmarkpunktion beendet war, drehte Tom sich endlich auf den Rücken und schob das Kirschkernkissen gegen die blauen Flecken unter seine Hüfte. Er bemerkte, dass Gerd im Bett saß. Er schien aus dem Fenster zu starren.

„Alles okay, Herr Meier?“, fragte Dr. Mailand.

Doch Gerd winkte nur ab. Als sie wieder zu zweit auf dem Zimmer waren, fing er an zu schluchzen.

Gerd drehte den Kopf leicht zur Seite, und Tom sah Tränen über seine Wangen laufen.

„Ach, Tom. Das ist alles so eine Scheiße. Ich habe gehört, was du erzählt hast. Mann, ich bin immerhin schon sechzig, du bist ja gerade mal halb so alt.“

Dennoch tat Gerd ihm leid. Die Tavor-Tablette von vor der Punktion wirkte und ließ Tom über sich hinauswachsen.

„Hey, dann siehst du ja, wie knapp das war. Und ich hab’s sogar zweimal geschafft. Ich habe überhaupt so viele Erfolgsgeschichten gehört. Einer in der Ambulanz hat mir mal erzählt, dass er einfach alle paar Jahre ein Rezidiv hat, Chemo macht und dann einfach weitermacht wie gehabt.“

Gerd wackelte nur ein wenig mit dem Kopf.

„Ich will damit nur sagen: Was immer du hast, es gibt so viele Mittel und Wege.“

Gerd ließ sich wieder ins Bett sinken, die tränenden Augen fest zusammengepresst. Dann drehte er den Rücken zu Tom, der daraufhin aufhörte zu reden.

Während Gerd schlief, kam ein Arzt aus der Chirurgie. Dieser schien erleichtert, nicht mit Gerd sprechen zu müssen, und flüsterte Tom zu:

„Ich wollte Ihrem Zimmergenossen nur mitteilen, dass die OP nicht durchführbar ist. Er weiß schon, worum es geht. Ich will ihn nicht wecken. Könnten Sie ihm das nur kurz weitergeben, wenn er wach ist?“

Tom stimmte zu, und der Chirurg eilte hinaus.

Am nächsten Morgen wurden sie von einem Studenten geweckt, der die undankbare Aufgabe hatte, Gerd die Worte des Chirurgen mitzuteilen und Tom erneut Blut aus der Vene zu zapfen. Tom warf nur kurz ein, dass am Abend noch ein Chirurg dagewesen war, dann wurde er von einem Termin zum anderen gefahren. Es standen Herzecho, Lungenfunktionstest, Röntgen und CT an. Das sowie die vielen Stiche für die ständig neuen Blutkulturen fühlten sich erschreckend vertraut an, vom Infusionsständer voller Antibiotika und sonstiger Mittel, die an seinen Port angeschlossen waren, ganz zu schweigen.

Nachdem er mit allem fertig war, wartete er zwanzig Minuten auf seine Abholung mit dem Rollstuhl. Die Antibiotika und die fiebersenkenden Mittel hatten bereits Erleichterung gebracht, doch es fiel ihm unerträglich schwer, mit der FFP2-Maske zu atmen. Er ging erst auf die Toilette, um seine Kraft zu testen und am Fenster Sauerstoff zu tanken. Dann meldete er den Transport bei einem Pfleger ab, ging erneut ins Bad und sammelte Luft für den Rückweg.

Er musste nur etwa fünfzehn Meter zum Fahrstuhl und dann noch einmal dreißig Meter bis zu seinem Zimmer zurücklegen. Das würde er normalerweise mit angehaltenem Atem schaffen, dachte er und machte sich auf den Weg. Im Zimmer angekommen, riss er sich die Maske vom Gesicht und ließ sich ins Bett fallen. Er hatte Sterne vor den Augen.

Das verweinte Gesicht von Gerds Frau, Gabi Meier, verriet ihm, dass er die Visite verpasst hatte. Sie war sichtlich aufgewühlt, begrüßte Tom aber sehr herzlich. Tom konnte nur mit Mühe antworten, und so war das Gespräch zu beider Erleichterung rasch beendet.

Bei Gerd schien es etwas Neues zu geben. Die Gefasstheit der beiden ließ ihn aber nicht weiter darüber nachdenken, und er döste langsam, aber sicher weg.

Als er wieder aufwachte, war es bereits dunkel. Er hatte den ganzen Tag verschlafen. Das Bett am Fenster war leer. Als Tom sich gerade Sorgen zu machen begann, hörte er, wie Gerd die Toilettenspülung betätigte. Trotz seiner offensichtlichen Erkrankung war Gerd ein stattlicher Mann. An die zwei Meter groß und breit gebaut. Als Gerd zurück ins Bett taumelte, hatte Tom kurz Angst, dass er auf ihn fallen würde. Es hatte gewirkt, als hätte Gerd sich über einen Teppich aus Lianen manövriert. Für Tom war es ein Wunder, ihn überhaupt laufen zu sehen.

Tom fragte Gerd, ob es ihn stören würde, wenn er noch mit seiner Familie telefonierte. Gerd winkte nur ab. Tom berichtete, dass er nicht nur Corona, sondern eine schwere, beidseitige Lungenentzündung hatte. Auch wenn die Ärzte ständig Röntgenbilder seiner mittlerweile vernarbten Lunge mit dem Hinweis auf Krebs verlangten, waren die neuen Infos seiner Meinung nach Erklärung genug für seinen Zustand. Und keinen Krebs zu haben, war das Wichtigste.

Nach dem Telefonat sagte Gerd:

„Ich find’s gut, dass du auf dich hörst. Es ist dein Körper, und nur du kannst ihn spüren. Apropos.“

Gerd drückte den Rufknopf und das rote Licht an der Tür sprang an.

Tom staunte, wie schnell Schwester Neumann da war. Sie ging zielstrebig auf Gerd zu, gab ihm einen kleinen Plastikbecher mit einer Tablette darin und schenkte ihm Wasser in einen weiteren Plastikbecher ein.

„Jaaaah, früher oder später müssen die kleinen Schmerzelfen gebändigt werden. Aber machen Sie sich keine Sorgen, wir sind auf jedes Kaliber problemlos vorbereitet.“

Sie hatte diese Art zu sprechen, die man von leicht genervten Kindergärtnerinnen kannte. Während sie sprach, zwinkerte sie Gerd zu.

„Gleich bringe ich Ihnen auch einen eigenen kleinen Knopf. Dann können Sie selbst entscheiden, was Sie spüren möchten und was nicht.“

Gerd brummte nur zustimmend, nahm die Tablette in den Mund und trank. Tom hatte noch nie jemanden so resigniert etwas schlucken oder überhaupt irgendetwas tun sehen.

Noch während er schluckte, kam der Bereitschaftsarzt herein. Er hatte einen kleinen grauen Kasten dabei, den er an Gerds Infusionsständer befestigte. Er erklärte kurz die Funktion des Morphiumknopfs, grinste, als hätte er gerade Ballons zu einem Kindergeburtstag geliefert, und verließ mit Schwester Clara Neumann den Raum.

Gerd rührte sich nicht.

Nach einigen Minuten des unangenehmen Schweigens meinte Tom:

„Angenehm. Ich habe mal Tilidin bekommen.“

Gerd schluchzte. Erst jetzt fiel Tom, der die ganze Zeit an die Decke gestarrt hatte, auf, dass Gerds Oberkörper bebte.

„Tom. Die haben uns heute die Bilder gezeigt. In mir leuchten die Lymphome wie ein Weihnachtsbaum. Ich habe sie leider nicht nur im verdammten Gesicht. Die drücken schon aufs Hirn und die sagen, man kann das nicht operieren. Deshalb habe ich kein Gleichgewicht und diese verdammten Kopfschmerzen.“

Plötzlich verstand Tom, warum Gerd vorhin gesagt hatte, Corona sei ihm egal: Er ging davon aus, ohnehin zu sterben.

Gerd strich mit der Hand über seinen verbeulten Hinterkopf.

„Aber morgen kommt ein Experte aus Bonn. Dann schauen wir noch mal.“

Tom schluckte.

„Und ich Idiot wollte dir erzählen, dass alles gut wird“, sagte er bedrückt.

Überraschenderweise musste Gerd jetzt lachen.

„Ja, das habe ich mir tatsächlich auch erst gedacht. Aber du hast es ja nett gemeint.“

Er drehte den Kopf zu Tom und zwinkerte ihm lächelnd zu.

„Na gut, ich gehe dann mal fliegen. Bis morgen in alter Frische.“

Er drückte demonstrativ einige Male auf den „Elfenknopf“ und legte sich hin.

Für Tom war in dieser Nacht wohl eher nicht mehr ans Schlafen zu denken.

„Schmerzelfen“, dachte Tom für sich.

Nach dem, was er gerade erfahren hatte, war er baff. Der Gedanke an das gönnerhafte Lächeln des Bereitschaftsarztes mit der Morphiumpumpe, der nicht einmal eine Maske getragen hatte, ließ ihn erschaudern.

Am nächsten Tag stand die große Visite für Gerd an. Tom war schon vor dem Frühstück in eine andere Klinik gefahren worden, um möglichst schnell wieder einmal eine Röntgenaufnahme seiner Lunge zu bekommen.

Auf der Station starrte Dr. Marko Mailand auf sein Handy. Auf dem Display hatte er neben dem Foto der Patientenakte eine Erinnerung an die klinikinterne Intensivvorsorgestudie geöffnet, an der fast das gesamte Ärzteteam teilgenommen hatte. Die Ergebnisse sollten in diesen Tagen eintreffen. Es war eine Schande, dachte er, dass er sich vor der Visite auf dem Klo verstecken musste, um überlegen zu können, wie er Herrn Meier, einem menschlichen Wesen, seine düstere Prognose beibringen sollte.

Es war gerade Karneval, und wie jedes Jahr war die halbe Belegschaft entweder krank oder hatte frei. Marko hingegen hatte, wie viele andere auch, in den letzten Tagen beinahe nichts anderes getan als zu arbeiten. Er schlief seit vier Tagen in einer Besenkammer, die er mit einer alten Matratze zum Schlafraum umfunktioniert hatte, falls man drei Stunden, verteilt auf etwa sechs Nickerchen pro Tag, Schlaf nennen konnte.

Es stand ihm im Prinzip frei, zu gehen, doch nicht nur vor Prof. Dr. Maibach, sondern auch vor Gott wollte er den daraus unweigerlich resultierenden Tod einiger seiner Patienten nicht rechtfertigen müssen. In wenigen Momenten musste er wieder antreten. Nach sechs Jahren und drei Monaten Medizinstudium einschließlich Praktischem Jahr und drei Staatsexamina war er zwar Assistenzarzt, fühlte sich dank seines neuen Chefs aber immer noch wie ein Ersti.

Prof. Dr. Maibach war bekannt dafür, bei seinen Visiten regelmäßig auch das Wissen der Beistehenden zu testen und nach Vorwänden für Erniedrigungen zu suchen, um sie „auf alles vorzubereiten“, wie er immer predigte.

Marko war so vertieft, dass er zunächst nicht mitbekam, dass ein weiterer Mensch in das Badezimmer gekommen war. Erst als er das Klingeln eines Telefons hörte, schreckte er aus seinem Tunnel auf.

„Sprechen Sie!“, vernahm Dr. Mailand Prof. Dr. Maibachs Stimme.

„Ach, du bist’s. Nein, Schatz, ich wohne doch heute der Visite bei.“

„Ja, es ist wieder so weit. Du weißt doch, diese armen Seelen sind ohne meinen regelmäßigen Einfluss aufgeschmissen. Jaa, danach hole ich dich ab und wir gehen zu Costa.“

Frau Maibach arbeitete ebenfalls auf der Onkologie, aber als Studienkoordinatorin.

„Wie kann man vor einer Visite nur so gelassen sein?“, dachte Marko. Bei dem Gedanken an ein Mittagessen bei Costa, dem Griechen, zwickte es schmerzhaft in seiner Magengegend.

Er wartete lautlos, bis sein Chef weg war.

Marko hatte sich einen Entschluss gefasst: Er wollte selbst etwas mehr wie Prof. Dr. Maibach sein.

Prof. Dr. Maibach war beileibe nicht der klügste oder beste Chefarzt der Klinik, doch den meisten kam es genau umgekehrt vor. Laut Markos Assistenzarztkollegin Annegret hatte Maibach in den Achtzigern an einer berühmten Veröffentlichung mitgearbeitet. Das und sein Status als Chefarzt schienen zu genügen, um nicht nur sich selbst als unfehlbar zu sehen, sondern alle anderen als umso fehlbarer. Damit hatte sie nicht ganz Unrecht.

Überhaupt schien man als Arzt gut damit zu fahren, laut aufzutreten. Es war weniger wichtig, was man tat oder sagte. Es ging mehr darum, sich auf Kosten anderer besser darzustellen, als man war.

Und wenn er eines Tages auch Chefarzt sein und mittags mit seiner Frau zu Costa gehen wollte, so dachte er, musste er selbst etwas – nun – rabiater werden, auch wenn es ihm meist unangenehm war.

In dem Moment, in dem sich die Tür hinter Prof. Dr. Maibach schloss, verließ Marko die Kabine, desinfizierte sich die Hände und eilte ebenfalls durch die Tür.

Er flitzte durch die Flure.

Vor Zimmer 1 standen Schwester Neumann, zwei Studentinnen und Annegret, die ihm ein schadenfrohes Grinsen zuwarf, im Halbkreis vor Prof. Dr. Maibach.

„Ah, da ist er ja. Wir warten schon seit ein paar Minuten auf dich“, sagte Annegret.

„Kommen Sie schon, Sie haben uns schon genug Zeit gestohlen“, fügte Prof. Dr. Maibach hinzu, der unmöglich mehr als zehn Sekunden vor Marko dort gewesen sein konnte.

„Ich habe mich noch mit Herrn Meiers Fall beschäftigt, Prof. Dr. Maibach.“

„Ahhh, jaaa, haben Sie die Todesbotschaft vorbereitet?“

„Die Todesbotschaft?“, fragte Marko verdutzt, ahnte aber, was Prof. Dr. Maibach meinte.

„Na, Herr Meier. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie ab jetzt so etwas machen werden.“

Annegret biss sich auf die Unterlippe vor Vergnügen.

„Ja, Prof. Dr. Maibach, natürlich“, antwortete Marko leicht irritiert.

Annegret war noch frisch und dennoch bereits ziemlich nah an Prof. Dr. Maibach. Sie fand ständig etwas, um die Pflege zu verunsichern, zu verbessern oder sonst wie zu schikanieren.

„In Ordnung. Frau Zimmermann, übernehmen Sie, bis Herr Mailand hier sich gefasst hat.“

Bei Prof. Dr. Maibachs Worten platzte Annegret fast vor Stolz.

„Ekelhaft“, dachte Marko und ging innerlich noch einmal die Daten vom Handyfoto der Patientenakte durch.

Herrn Mahmoud stand eine Stammzelltransplantation bevor, weshalb er keinen Zimmergenossen hatte. Der Mann war bereits 66 Jahre alt und sprach kein Deutsch. Zwei seiner Enkel waren so gut wie ununterbrochen bei ihm, versorgten ihn mit Essen und sonstigen Annehmlichkeiten.

Vor der Tür besprachen sie wie immer den Stand der Dinge, bevor sie hineingingen.

Prof. Dr. Maibach fing an:

„Ja, unser Herr Mahmoud. Sicher werden die beiden Enkel wieder da sein. Geplant ist eine allogene Stammzelltransplantation mit reduzierter Konditionierung. Die gute Nachricht: Ein vollständig passender, unverwandter Spender wurde gefunden. Allerdings darf man sich auch nichts vormachen. Es gibt einige geriatrische Aspekte: 66 Jahre, leichte Herzschwäche, beginnender Altersdiabetes sowie eine beginnende Nierenfunktionsstörung. Also sollte man nicht zu optimistisch sein. Aber wir werden es versuchen. Dafür werden wir bezahlt.“

Wie immer deutete er minimal mit der Hand auf die Tür, woraufhin sich die kleine Gruppe gehorsam durch die Tür bewegte.

„Hallo, möchten Sie ein Eis?“, begrüßte sie einer der Enkel.

Als hätte er ihnen einen Joint angeboten, lehnte Prof. Dr. Maibach künstlich lachend stellvertretend für alle ab.

Annegret entging nicht, dass Maibachs Blick auf einer benutzten Einmalunterlage und den Klebeelektroden auf dem Beistelltisch ruhte. Sie wollte gerade ihre Stimme erheben und Clara zurechtweisen.

Clara hatte den Müll ebenfalls bemerkt und suchte panisch etwas, worüber sie selbst die Stimme erheben konnte, in der Hoffnung, Annegrets Gemeckere zu unterbinden.

„Puh, solche Männer riechen gerne mal. Sie sollten für Ihren Opa auch ab und zu frische Luft reinlassen. Wir wollen ja, dass er wieder gesund wird.“

Dabei versuchte sie, gleichzeitig freundlich und bestimmt zu klingen, wirkte jedoch nur hysterisch und unfreundlich. Sie öffnete das Fenster, drehte sich anschließend wieder um und ließ die Einmalunterlage und die Klebeelektroden möglichst unauffällig in ihrer Kitteltasche verschwinden.

„Frau Dr. Zimmermann wird Sie jetzt auf den neuesten Stand bringen“, sagte Prof. Dr. Maibach und ging einfach über die Situation hinweg. Claras Plan war aufgegangen.

„Nun“, begann Annegret. „Das CT von Montag zeigt keine neuen Entwicklungen. Das hatten wir gehofft, um die Stammzelltransplantation durchführen zu können. Wir haben heute Nachricht aus Brasilien erhalten. Dort steht ein Spender für Sie bereit, mit einer Übereinstimmung von zehn von zehn Merkmalen.“

Der andere Enkel übersetzte freudig und aufgeregt für seinen Opa.

„Dann müssen wir die Flugtickets nicht stornieren, oder? Wenn der Termin nächste Woche steht, ist unser Opa doch bis August wieder fit“, übersetzte er die Worte seines Opas.

Annegret wurde unsicher. Prof. Dr. Maibach hatte es selbst gesagt: Auch wenn der Spender optimal war, barg eine solche Prozedur so einige Tücken.

„Nun ja, also wissen Sie … auch wenn der Spender optimal ist …“, setzte sie an.

Prof. Dr. Maibach fiel ihr ins Wort:

„Also, behalten Sie die Tickets und freuen Sie sich darauf. Wir können jede positive Energie gebrauchen.“

Marko war irritiert. Sehr irritiert. Doch er wollte die Feierlaune der drei Männer nicht vermiesen und folgte dem Tross schweigend wieder hinaus. Sich mit dem Chef anzulegen, schien ihm in diesem Moment auch nicht klug.

Als sie schließlich vor Zimmer 16 standen, trat Prof. Dr. Maibach einen Schritt zur Seite und bedeutete Marko mit einer Handbewegung, seinen Platz einzunehmen.

Die Studentin am Wagen rückte diesen etwas von der Tür weg, damit Prof. Dr. Maibach bequem daran vorbeigehen konnte.

Marko stellte sich an den Wagen und öffnete die digitale Akte.

„Gut, erst einmal haben wir Herrn Specht im Gangbett. Der Patient, 31, berichtet seit etwa sechs Wochen über anhaltendes Fieber, Husten, zunehmende Belastungsdyspnoe und ausgeprägte Erschöpfung bei nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion. Im CT zeigen sich beidseitige pulmonale Infiltrate, vereinbar mit einer schweren bilateralen Pneumonie. Aufgrund seiner Vorgeschichte nach CAR-T-Zell-Therapie und der aktuellen Aplasie müssen wir zusätzlich ein Rezidiv beziehungsweise eine hämatologische Ursache ausschließen.“

„Sehr gut, aber Herr Specht ist nicht auf dem Zimmer. Den haben wir ins St. Eileen geschickt zum Röntgen. Vergessen Sie erst mal den Datenschutz, Mailand.“

So souverän er auch zu wirken versuchte, Prof. Dr. Maibachs Hände zitterten leicht. Mit aufgesetzt tief klingender Stimme fügte er an:

„Kommen Sie, Mailand. Ziehen Sie das Pflaster einfach ab.“

Er bedeutete Schwester Clara Neumann, die Tür zu öffnen.

Gabi Meier saß neben dem liegenden Gerd am Rand des Betts, und die beiden hielten sich an den Händen.

„Guten Tag, ich bin Prof. Dr. Maibach. Ich bin Chefarzt und nur als Begleitung für etwaige Fragen vorgesehen. Schwester Clara Neumann und die anderen kennen Sie ja bereits.“

Seine Stimme hatte nun etwas widerlich Gönnerhaftes, dachte Marko.

Er wollte gerade das Wort ergreifen, als Tom, keuchend wie ein tollwütiger Elch, hereinkam. Er konnte vor lauter Luftnot nicht reden. Er riss sich die Maske vom Gesicht und schleppte sich zu seinem Bett, wo er sich einfach aufs Gesicht fallen ließ.

„Hallo, Herr Specht“, sagte Prof. Dr. Maibach, als spräche er mit einem Schwerhörigen. „Es wäre besser, wenn Sie noch einmal für ein paar Minuten rausgehen würden.“

Tom drehte sich mit sichtlicher Mühe auf die Seite und röchelte atemlos:

„Ich kann nur hier atmen. Ich kann nicht … die Maske …“

Schwester Clara Neumann half ihm:

„Er kann mit der FFP2-Maske nicht atmen. Corona plus Lungenentzündung.“

Prof. Dr. Maibach nickte.

„Na, dann setzen Sie sich doch mal Ihre Kopfhörer auf, Herr Specht.“

Tom hob den Daumen und tat wie geheißen.

Jetzt deutete Prof. Dr. Maibach auf Marko und trat einen Schritt zurück.

Marko suchte Prof. Dr. Maibachs Blick und fragte, auf Tom deutend:

„Aber der Datenschutz verbietet doch …“

Jetzt meldete sich Frau Meier zu Wort.

„Ich habe doch von ihm auch alles mitbekommen“, sagte sie und deutete auf Tom. „Jetzt sagen Sie schon, raus damit.“

Marko warf Prof. Dr. Maibach noch einen verunsicherten Blick zu.

„Wie Sie ja wissen, haben wir heute Morgen noch einmal Rücksprache mit Prof. Dr. Lang gehalten.“

„Ja, und weiter?“, bohrte Frau Meier nach.

„Na ja, er sieht es leider so wie wir. Das Gewebe unter der Schädeldecke ist fest mit der Hirnhaut verbunden und liegt zu nah an wichtigen Gefäßen. Bei dem bereits stark erhöhten Druck wäre das Operationsrisiko derzeit nicht vertretbar. Und selbst wenn die OP möglich wäre, wissen Sie, wie es steht. Die Schmerzen bekommen wir auch ohne Operation gut in den Griff.“

Frau Meier wurde kreidebleich.

„Können Sie nicht wenigstens noch einmal neue Bilder machen?“, fragte Frau Meier. „Die letzte Aufnahme war doch vor dem Dexamethason. Und die Antikörpertherapie ist auch noch keine zwei Wochen her.“

Prof. Dr. Maibach schüttelte den Kopf.

„Das Dexamethason kann die Schwellung reduzieren. Dass sich dadurch an der grundsätzlichen Operabilität etwas ändert, ist jedoch nicht zu erwarten. Und von der Antikörpertherapie hätten wir klinisch inzwischen zumindest erste Anzeichen einer Wirkung sehen müssen.“

Gerd wandte sich entsetzt an seine Frau:

„Die wollen mir sagen, mein Gleichgewicht wird von jetzt an nur noch schlechter? Das war’s? Ich soll einfach sterben?“

Marko musste schlucken. Er wusste nicht, wohin mit seiner Unsicherheit und dem beklemmenden Gefühl der Schuld. Er wollte einfach nur weg. Er musste daran denken, wie unsicher Prof. Dr. Maibach oft wirkte und dann genau das Gegenteil vorspielte.

„Frau Neumann! Rufen Sie noch einmal an. Mittlerweile sollte ein Zimmer frei geworden sein“, schnauzte er die Pflegerin an.

Marko fühlte sich gleich etwas sicherer und fügte, an Frau Meier gewandt, hinzu:

„Wir haben ein Zimmer unten im Erdgeschoss für Sie vorbereitet. Dort haben Sie sogar einen kleinen Garten und die nötige Privatsphäre, um sich zu verabschieden.“

Dabei zeigte er auf Tom und bemühte sich, den gönnerhaften Ton von Prof. Dr. Maibach nachzuahmen.

Tom, der mit geschlossenen Augen laute Musik gehört und nichts von alledem mitbekommen hatte, hörte trotz der Geräuschunterdrückung seiner Kopfhörer einen lauten Knall. Er öffnete die Augen und nahm einen Stöpsel aus dem Ohr. Auf dem Boden lagen überall Taschentücher und die zerrissene Box, die Frau Meier gerade gegen den Visitenwagen geschleudert hatte.

Sie wollte schreien, doch ihre Stimme verstummte immer wieder. Die Trauer drückte ihr den Hals zu. Heraus kam letztendlich ein gepresstes Flüstern:

„Meinen Sie, das ist was Tolles? Wir wollten darüber reden, wie Sie meinem Mann helfen können, und nicht, wie schön Ihre Scheiß-Sterbezimmer sind!“

Prof. Dr. Maibach zog Marko an der Schulter nach hinten und würdigte ihn keines Blickes.

„Hören Sie bitte zu, Frau Meier. Wir haben alles getan, was in unserer Macht liegt.“

Er sprach ganz langsam und deutlich.

„Wenn es irgendetwas gäbe, das wir tun könnten … Das Lymphomgewebe ist zu ausgedehnt, fest mit der Hirnhaut verbunden und liegt zu nah an wichtigen Gefäßen. Bei einer Operation wären schwere Blutungen und bleibende neurologische Schäden unvermeidbar.“

Doch Frau Meier hörte nicht mehr zu. Sie hatte sich so sehr über ihr eigenes Verhalten erschrocken, dass sie weinend ihr Gesicht in den Händen vergrub und nicht mehr reagierte.

„Also wollen Sie mich jetzt einfach auf die Sterbestation bringen?“, fragte Gerd. „Es muss doch irgendeine Therapie geben, verdammt.“

Gerd fuchtelte mit den Armen und räumte dabei den Beistelltisch ab. Ein Glas zersprang; Schwester Neumann erwischte den Laptop gerade noch.

„Jetzt beherrschen Sie sich bitte“, fauchte Prof. Dr. Maibach. „Auch wenn Ihnen nicht gefällt, was der Chefarzt zu sagen hat, haben Sie sich ihm gegenüber respektvoll zu verhalten. Schauen Sie sich das Chaos an.“

Tom hingegen war sich sicher, dass Gerd lediglich versucht hatte aufzustehen. Gerd, der es immerhin geschafft hatte, sich aufzusetzen, brummte so bedrohlich und laut, wie es ihm sein Körper erlaubte:

„Scheiß drauf, ist völlig egal. Wenn Sie hier der Superarzt sind, wieso fällt Ihnen dann nichts ein, außer mir ein schönes Sterbezimmer zu organisieren?“

Vor Toms innerem Auge spielten sich gleichzeitig etliche Varianten seiner eigenen Todesnachricht ab. Langsam, aber sicher kroch die Panik in seinen Bauch. Schwester Neumann war so erschüttert, dass sie kurzerhand mit ihrem Privathandy einen Hilferuf an Frau Maibach sendete.

Marko war in der Vorsorgestudie – mit Zustimmung der Teilnehmenden – als ärztlicher Ansprechpartner für auffällige Befunde bei Beschäftigten seiner Abteilung eingetragen. Während der Visite wurden ausschließlich Notfälle zu ihm durchgestellt; dennoch war er froh, als sein Telefon klingelte.

„Hallo, Herr Dr. Mailand, Rahmadi aus der Studienzentrale. Die Auswertungen sind gerade durch. Sie sagten, ich solle Sie bei einem Verdachtsfall per Mail benachrichtigen, aber das hier ist wirklich dringend.“

„Ja, ja, natürlich. Worum geht es?“, fragte Marko und hoffte, dass es nicht um ihn ging.

„Bei der Sonografie zeigen sich beidseits hochgradig malignitätsverdächtige Raumforderungen, und die Tumormarker sind ebenfalls auffällig.“

„Da rede ich von Respekt und der Assistent fängt an, Privatgespräche zu führen. Gehen Sie sofort raus!“, schnauzte Prof. Dr. Maibach Marko im Hintergrund an.

„… Jedenfalls besteht der dringende Verdacht auf beidseitige Hodentumoren. Die Urologie möchte Herrn Maibach noch heute weiter untersuchen.“

Marko hatte bereits die Tür erreicht und hielt abrupt inne.

Prof. Dr. Maibach, der sichtlich überfordert war, schnauzte Marko erneut an:

„Na, war es denn wenigstens wichtig? Sehen Sie eigentlich nicht, was Sie angerichtet haben? Unter mir werden Sie nie wieder …“

Frau Maibach unterbrach ihn, als sie den Raum betrat.

Jetzt platzte Marko endgültig der Kragen.

„Ein Notfall“, erwiderte Marko mit fester Stimme. „Es gibt Neuigkeiten für Sie. Wollen Sie das auch einfach gleich vor allen Leuten besprechen?“

Dabei deutete er erneut auf Tom, dem die Situation mittlerweile mehr als nur unangenehm war.

„Wie man mit schlechten Nachrichten umgeht, wissen Sie ja anscheinend besser als jeder andere.“

„Was stimmt denn mit Ihnen allen nicht? Gehen jetzt die Pferde mit Ihnen durch?“, brüllte Prof. Dr. Maibach beinahe.

„Scheint so“, meinte Marko.

Marko musterte ihn eindringlich und dachte daran, dass er all die Zeit versucht hatte, Prof. Dr. Maibach nachzuahmen, und dass er zu ihm aufgesehen hatte.

„Ich habe Ihnen gerade angeboten, das unter vier Augen zu klären.“

„Spinnen Sie denn völlig? Was für Ergebnisse?“

„Bei Ihnen besteht der dringende Verdacht auf beidseitige Hodentumoren. Die Urologie möchte Sie noch heute weiter untersuchen. Im ungünstigsten Fall kann eine Operation auf beiden Seiten notwendig werden.“

Einen Moment lang begriff niemand, was Marko gerade gesagt hatte.

Jetzt mischte sich Frau Maibach ein:

„Erst mal, vergessen Sie nicht, mit wem Sie hier sprechen. Und zweitens: Was soll das heißen?“

Marko antwortete:

„Im schlimmsten Fall müssen beide Hoden entfernt werden.“

Einer Studentin entwich ein röhrender Laut durch die Nase, als sie ihr Lachen unterdrückte.

Prof. Dr. Maibach warf den Visitenwagen samt Computer um. Becher, Stifte und lauter Zettel fielen auf den Boden.

„Was denn für Testergebnisse? Sie müssen die Ergebnisse …“, winselte Prof. Dr. Maibach und rannte, sich beide Hände vor den Schritt haltend, in Richtung Urologie.

Zu aller Verwunderung sprang Tom auf und folgte ihm. Draußen hörte die Gruppe ein dumpfes Klatschen und gleich darauf die erschrockene Frage eines Pflegers:

„Sind Sie gestürzt?“

Toms keuchende Stimme antwortete:

„Lassen Sie mich liegen. Ich muss liegen zum Lachen. Ich kann nicht mehr.“

Jetzt gab es kein Halten mehr. Sogar Gerd und seine Frau schienen die schlimme Nachricht vergessen zu haben und lachten herzlich. Selbst Frau Maibach musste ein wenig schmunzeln.

Mit einem Mal brach Gerds Lachen ab. Er sackte bewusstlos zurück.

Als Gerd am folgenden Tag wieder aufwachte, blickte er in ein grelles, weißes Licht.

„Ach, wen haben wir denn da?“, hörte er Markos Stimme.

Zu seiner Überraschung hatte er kaum noch Kopfschmerzen. Auch das dumpfe Pumpen, das trotz seiner Morphiuminfusion immer da gewesen war, war verschwunden.

„Schön, dass Sie auch wach sind“, sagte Marko.

Erst jetzt erkannte Gerd, dass Marko gar nicht ihn angesprochen hatte.

Marko stand an seinem einzigen freien Tag seit Wochen im Aufwachraum und deutete auf das Bett neben Gerd.

Mit aller Kraft kämpfte Gerd gegen die Nachwirkungen der Vollnarkose an und drehte den Kopf zur Seite. Im Bett neben ihm lag Prof. Dr. Maibach und starrte ihn an.

„Fantastisch. Beide Eingriffe sind gut verlaufen“, sagte Marko. „Nach weiterer urologischer Abklärung war tatsächlich eine beidseitige Orchiektomie notwendig geworden. Sie verlief komplikationslos. Nach aktuellem Stand war die Erkrankung auf die Hoden begrenzt, und seine Heilungschancen sind sehr gut.“

Prof. Dr. Maibach verzog das Gesicht.

„Doch nicht nur das. Herr Meier, Sie sind während Ihres Lachanfalls bewusstlos geworden. Wegen des ohnehin erhöhten Drucks in Ihrem Kopf haben wir sofort eine neue Bildgebung veranlasst. Dabei zeigte sich, dass das Lymphomgewebe deutlich zurückgegangen und die Schwellung erheblich reduziert war. Welchen Anteil die Antikörpertherapie und welchen das Dexamethason daran hatten, ließ sich nicht sicher trennen. Dadurch hatte auch der Druck auf das Gehirn deutlich abgenommen, und der verbliebene, druckauslösende Herd war operabel geworden. Wir konnten ihn so weit entfernen, dass das Gehirn akut entlastet ist. Wie die Erkrankung langfristig verläuft und wie gut die weitere Therapie anschlägt, können wir Ihnen noch nicht sagen. Ohne Ihren Zusammenbruch hätten wir diese Veränderung wahrscheinlich erst deutlich später bemerkt.“

Gerd starrte ihn an.

„Sie können sich bei Ihrem unfreiwilligen Schutzengel bedanken.“

Damit deutete Marko auf Prof. Dr. Maibach.

„Ich will Ihnen nicht zu viel versprechen“, sagte Marko, „aber vorerst haben wir das Scheiß-Sterbezimmer gestrichen.“

Dr. Mailand verabschiedete sich, und zu Gerds Verwunderung trat Frau Maibach in sein Sichtfeld.

„Bitte verzeihen Sie meinem Mann. Wir hatten beide keine Ahnung, wie sich so etwas anfühlt.“

Mit diesen Worten trat sie an das Bett ihres Mannes.

Eine Träne kullerte Prof. Dr. Maibach über die Wange.

Gerd schenkte ihm ein Lächeln und nickte.

So lagen sie nebeneinander.

Zum ersten Mal auf Augenhöhe.

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